Wäre meine Gewichtskurve ein Aktienkurs, dann hätte ich dieses Jahr ganz schön Gewinn gemacht.

Freitag, Dezember 19, 2014

Ich weiß noch, wie ich mich gefreut habe, als damals vor 10 Jahren mein Gewicht schlagartig nach unten ging. Die Abnahme hatte zwar nicht so schöne Hintergründe (ich war krank und konnte nichts mehr essen), aber ich schwor mir damals die Zahl des Höchstgewichts nicht mehr auf der Waage zu sehen. In diesem Jahr habe ich die Zahl überschritten.
Im April dieses Jahres hatte ich ein Gewicht von 75,8 kg – heute können wir so etwa 10 Kilo drauflegen. Mit ca. 85 kg habe ich also einen traurigen Rekord für mich aufgestellt. Mein alter Rekord lag bei 79,5 kg.

Wieso hat sie es so weit kommen lassen, werdet ihr euch fragen.

Im Jahr 2013 habe ich ja schon eine schöne Abnahme erzielt, bis es auf einmal stockte. Ich war unglaublich müde, erschöpft und kraftlos. Zu viel trainiert? Immerhin hatte ich vorher kaum Sport gemacht. Vitaminmangel? Mineralstoffmangel? Mit diesen Gedanken ging ich zum Arzt, wo ein erhöhter TSH-Wert festgestellt wurde. Daraufhin weitere Untersuchungen im Krankenhaus und die Diagnose Schilddrüsenunterfunktion – ihr erinnert euch vielleicht noch.
Seitdem nehme ich Euthyrox, wobei die Dosis sich über das Jahr immer wieder erhöht hat. Meine Werte verbesserten sich, aber ich war weiterhin müde. Nach einer Zunahme konnte ich anfangs des Jahres wieder etwas abnehmen.
Ich trainierte weiter bei Mrs. Sporty – wo ich ja im Jahr zuvor gute Erfolge erzielt hatte – „trainierte“ für den Frauenlauf und „blieb dran“. Wie man so schön sagt.

Und dann kommt alles anders.


Am Frauenlauf konnte ich nicht teilnehmen. Es gab einen Todesfall in unserer Familie und ich musste stattdessen eine lange Zugfahrt zu meiner Familie antreten. Es war kein überraschender Tod, es war nicht so, dass die Person aus dem Leben gerissen wurde, und doch hat es mich überrascht, auf eine ganz eigentümliche Weise. Und in dem ganzen Gefühlschaos wurde der Sport nebensächlich. Wahrscheinlich wäre das aber gerade der richtige Punkt gewesen weiterzumachen.
Den Frauenlauf konnte ich also nicht als Erfolg verbuchen, aber okay, es würde wieder einen geben. Es geht immer weiter.
Und doch ließ ich es schleifen. Ich hatte das Gefühl für das Laufen verloren. Es war wieder mühsam und schwer geworden. Ich ging nicht mehr regelmäßig sondern nur noch hin und wieder raus. Konzentrierte mich auf die Ernährung und Mrs. Sporty.
Und ich nahm zu. Und wie ich zunahm. Ich aß kaum etwas. Ich nahm zu. Ich versuchte es wieder mit konsequent veganer Ernährung. Ich nahm zu. Ich machte Sport. Ich nahm zu. Ich machte keinen Sport. Ich nahm zu. Ich lag eine Woche krank im Bett und schlürfte einzig Tee und Brühe. Ich nahm zu. Ich hatte das Gefühl, egal was ich tue, ich nehme zu.
Ich gebe zu, ich habe es auch mal schleifen lassen. Ich habe den Fehler gemacht und mich von der Sache demotivieren lassen. Es gab auch Zeiten in denen ich nicht mehr darauf achtete, was ich aß. Sie hielten nicht lange an und fing mich wieder gut, geholfen haben sie mir aber nicht.

Andere wissen immer am besten was hilft.

Ratschläge habe ich viele bekommen. Tipps aus der Trickkiste. Und Ablehnung. Auch wenn ich sie mir manchmal wohl auch eingebildet habe.
Meine Mutter hatte die besten Ideen, angefangen von der Nulldiät bis hin zu Wunderpillen und –pülverchen. Ja, genau, das ist es was ich brauche. Mein gestörtes Verhältnis zu meinem Körper und Essen hat nichts mit dir zu tun, Mama. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ich erfuhr auch wieder am eigenen Leib – wortwörtlich – wie „praktisch“ es für mich sein konnte, den Kummer wegzuessen.
Das Laufen gab ich irgendwann ganz auf. Weil ich mich nicht mehr hinaus traute. Weil ich mich schämte und davor fürchtete was andere von mir denken würden. Eigentlich lächerlich. Aber es hielt mich dennoch auf.
Ich sah mich als eine Person zweiter Klasse. Als jemand, der versagt hat.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Ich tauschte mich mit Freundinnen und Bekannten aus. Bekam den Tipp es mit einer Bio Terrain Analyse zu probieren. Vielleicht lag mein Stoffwechsel ja im Argen. Also vereinbarte ich einen Termin und hoffte vielleicht auch ein wenig auf den heiligen Gral.
Den heiligen Gral habe ich natürlich nicht gefunden. Aber ich erhielt unter anderem die Antwort, dass meine Mineralstoffedepots geleert waren. Laut Erklärung binden Mineralstoffe Schlacken. Da mein Körper aber schon mit den wenigen Mineralstoffen, die er hatte, kaum zurechtkam, ließ er auch jene nicht los, die an die Schlacken gebunden waren. Und so setzte mein Körper immer weiter an. Ich bekam Aloe Vera zu trinken, Probiotika um meine Darmflora wieder in Schwung zu bringen und Mineralstoffpräperate. Ich sollte warme Speisen bevorzugen, um mein Verdauungsfeuer zu stärken, regelmäßig und nicht zu spät essen.
Meine Werte verbesserten zwar, aber der große Durchbruch gelang nicht.
Und ich wusste, dass es mehr gab, dass ich ändern musste. Dazu muss gesagt sein, dass ich schon seit längerem in psychotherapeutischer Behandlung bin. Als die Panikattacken und Ängste immer schlimmer wurden, bekam ich Tabletten verschrieben. Ich hielt Rücksprache mit meiner behandelnden Ärztin und setzte die Medikamente ab. Ich wusste zwar, dass es eine Herausforderung werden würde, aber ich hatte das Gefühl, es war an der Zeit. Und obwohl die Präparate laut offizieller Angaben keine Abhängigkeitserscheinungen mit sich bringen sollten, hatte ich einen Entzug. Das bestärkte mich aber nur noch mehr, dass ich die Tabletten nicht mehr brauchen würde.
Ganz überraschend wurde mir dann auch noch mitgeteilt, dass vielleicht die Medikamente Einfluss auf meine Schilddrüsenwerte hätten. Schön, dass man mir das so früh mitteilte.

Auf dem richtigen Weg?

Meine Schilddrüsenwerte sind laut Hausärztin in Ordnung. Die Dosierung passt. Ich habe mittlerweile auch die Pille abgesetzt, die in den letzten zehn Jahren sicher auch nicht ganz harmlos auf meinen Körper gewirkt hat. Vier Wochen nachdem ich die Pille abgesetzt hatte, war ich wieder bei der Bio Terrain Analyse. Ich hatte das Gefühl, dass etwas besser geworden war. Ich hatte zwar nicht abgenommen, aber – und das ist momentan fast genauso viel wert – nicht zugenommen. Die Analyse bestätigte mir, dass meine Werte diesmal zum ersten Mal alle im grünen Bereich waren.
Ich habe wieder mit dem Laufen begonnen. Ich kämpfe mich zwar wie eine Lokomotive durch den Lauf, aber ich halte durch. Ich habe einen neuen Trainingsplan und wenn ich mich an alle Trainingseinheiten halte, sollte ich im Februar wieder einen 10 km-Lauf schaffen können.
Ich schwitze abends vor dem Fernseher und lasse meine Bauchmuskeln brennen. Zwischendurch mache ich lange, zügige Spaziergänge, damit ich regelmäßig an die frische Luft komme.
Ich esse momentan weder rein vegan noch vegetarisch, obwohl ich es an manchen Tagen sogar schaffe, aber das soll derzeit kein Maßstab sein. Zumindest halte ich mich ziemlich erfolgreich von Kuhmilch und Zucker fern. Da ich auch das ganze Jahr über – trotz Blogpause – weiterhin für meinen Freund und mich vorgekocht habe, habe ich unzählige Kochbücher und Kochzeitschriften zerlesen und massenweise Rezepte probiert.

Ich bin immer noch übergewichtig. Ich bin dick und rund. Aber ich muss mich dafür nicht schämen. Ich muss mich nicht verstecken.

Und ich bin froh, dass ich euch davon erzählen kann.


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8 Gedanken zu diesem Thema

  1. Hallo du! Schön, dass du wieder da bist. Wow, das waren sehr anstrengende Monate für dich. Toll, dass du es nach der Talfahrt wieder bergauf geht! Mir hat dein Text übrigens gerade sehr geholfen. Ich habe auch gerade gesundheitlich etwas Probleme und lasse mich gehen. Aber nach einem Tief kommt immer irgendwann wieder ein Hoch :)
    Lara

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    1. Danke für deine Worte :) Es freut mich sehr, wenn du etwas Positives für dich aus dem Text herausnehmen kannst!

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  2. Welch schöner, ehrlicher und offener Post!
    Und wie du siehst, geht das Leben weiter, ob mit oder weniger Rundungen!

    Und wie wäre es wenn jetzt ganz schnell mit Gewinn die Aktien verkaufst und damit im neuen Jahr nicht so hohe Verluste einstreichen musst? ;)

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    1. Danke für die lieben Worte!
      Ich bin gerade dabei, die Aktien abzustoßen ; ) Leider ist der Markt gerade sehr gesättigt :P

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  3. Ohje :/ Hoffentlich geht's jetzt wieder vorwärts :)

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  4. Ich bin wirklich beeindruckt von deinem ehrlichen und so offenen Post! Das liest man wirklich nicht oft. Klar, niemand berichtet gerne von Rückschlägen, aber gerade dass du eben nicht aufgegeben hast und wieder weiterkämpfst ist doch das motivierende daran! Ich wünsche dir ganz viel Kraft und Freude für deinen weiteren weg!

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    1. Danke :)
      Ich habe so das Gefühl, dass es in nächster Zeit einige weitere "ehrliche" Posts von mir geben wird. Es ist eben nicht alles Sport und Ernährung ; )

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Danke für deine Worte : )
Ein nettes Wort, ein lieber Gruß, positive wie negative (konstruktive) Kritik - ich freu mich!

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